Ankommen

Ich schaue aus dem Fenster und blicke mit leuchtenden Augen auf die immer größer werdenden Häuschen, die aussehen wie akurat nebeneinander angeordnete Monopolyhäuser mit ihren Giebeldächern und den grünen Vorgärten. Sowieso ist alles grün und durch die genau abgemessenen Felder fährt ein roter Zug. Züge, wie lange habe ich keine Züge mehr gesehen oder kleine Dorfkirchen. Und dann heißt es: „Willkommen in Frankfurt. Ich wünsche ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Die Außentemperatur beträgt zur Zeit…“. Zurück in Deutschland. Als ich das letzte Mal in Frankfurt war, lag das bis jetzt größte Abenteuer meines Lebens vor mir und ich habe eine Träne nach der anderen geweint, nicht wirklich gewusst, was mich erwarten wird. Diesmal weiß ich was mich erwarten wird. Aber ich weiß noch nicht so recht, wie ich damit umgehen soll. Plötzlich ist alles wieder deutsch. Die Sprache, das Essen und auch die Begrüßung an der Passkontrolle, bei der die sich unterhaltende Frau vor mir mit einem kühlen „Nächster bitte! …Nächster bitte!“ an den Tresen gerufen wird. Willkommen in Deutschland schießt es mir durch den Kopf und ich werfe einen Blick zu meiner Mitfreiwilligen, die mir ebenfalls mit hochgezogenen Augenbrauen entgegenblickt. México – ya me haces falta denke ich – und spüre wieder, wieviel mir dieses Land inzwischen bedeutet. Aber dann nimmt mich doch nach und nach die Vorfreude und Aufregung ein, als ich am Gate auf meinen Anschlussflug warte und zum ersten Mal seit 12 Monaten wieder meine Liebsten anrufen kann und dann tatsächlich „Ratet mal, wer wieder in Deutschland ist“ sage. Unglaublich. Ich telefoniere mit meinem Zuhause, ich bin wieder Zuhause – fast. Und doch irgendwie dazwischen. Ich fühle mich wie auf einer kleinen Insel – der Flughafeninsel, die den letzten Zwischenstopp darstellt, das vorläufige Ende meines mexikanischen Abenteuers, aber auch die Verbindung.

Ein letztes Mal fliege ich in die Wolken, bevor die Buchstaben außen am Terminal „Hannover“ ergeben. Angekommen. Wieder habe ich so viele Tränen geweint, wollte nicht weg, hatte Angst vor dem was kommt. Wieder liegt ein Jahr vor mir, bei dem ich noch nicht genau weiß, wo ich am Ende stehen werde. Aber das schiebe ich erst einmal bei Seite, als ich meine Freunde hinter der Glaswand der Gepäckausgabe stehen sehe und sie endlich wieder in die Arme schließen kann. Wie oft hatte ich mir diesen Moment ausgemalt? Wie sehr habe ich den Geruch nach Gras, Blumen und lauen Sommerabenden vermisst. Wie oft habe ich mich in Gedanken in den Garten gestellt und das Gesicht mit geschlossenen Augen in das goldene Licht der untergehenden Sonne gehalten. Ich öffne die Augen und sehe durch die Blätter des Apfelbaums in den strahlend blauen Himmel und entdecke eine weiße Linie – meine Verbindung zu Mexiko. Die offensichtliche. Denn es gibt noch so viele mehr: Erinnerungen und Momente. Das was ich so sehr vermisse und mich spüren lässt, dass das jetzt auch Ich bin. Die Dinge, die mir früher nicht aufgefallen sind und die ich jetzt wertschätze. In Deutschland und in Mexiko. Mein Ankommen liegt wohl irgendwo dazwischen. Zwischen hier und dort. Zwischen vermissen und genießen. Zwischen erleben und erinnern. Zwischen hier und jetzt.

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